Motorrad-Bremsweg: Warum das eigene Gefühl täuschen kann

Wie lang ist der Bremsweg mit dem Motorrad wirklich? Eine aktuelle Studie des Instituts für Zweiradsicherheit zeigt, dass sich selbst erfahrene Motorradfahrer bei dieser Frage häufig verschätzen. Das Problem betrifft nicht nur den eigentlichen Bremsweg, sondern auch die Wahrnehmung von Entfernungen und damit den Sicherheitsabstand im Straßenverkehr.
Essen. (red) – Für die Studie „Grenzen der Wahrnehmung beim Bremsen“ untersuchte das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) die Einschätzung von Bremswegen und verglich diese mit tatsächlich gefahrenen Gefahrenbremsungen. 50 erfahrene Motorradfahrer nahmen an den Versuchen auf dem ADAC-Verkehrsübungsplatz Recklinghausen teil. Insgesamt wurden mehr als 200 Fahrten ausgewertet. Im Mittelpunkt standen Geschwindigkeiten von 50, 70 und 80 km/h.
Einschätzung und Realität liegen häufig auseinander
Vor den Bremsversuchen sollten die Teilnehmer einschätzen, welche Strecke sie für eine Gefahrenbremsung benötigen würden. Anschließend wurde gemessen, wie lang der tatsächliche Bremsweg war.
Dabei zeigte sich eine erhebliche Streuung. Teilweise wurde der benötigte Bremsweg überschätzt, teilweise unterschätzt. Fast die Hälfte der Teilnehmer benötigte bei den praktischen Bremsungen jedoch mehr Strecke als zuvor angenommen. Besonders problematisch: 58 Prozent gaben an, ihre Einschätzung hauptsächlich nach dem eigenen „Bauchgefühl“ vorzunehmen.
Auch viel Fahrpraxis schützt offenbar nicht automatisch vor Fehleinschätzungen. Nach Angaben des ifz hatten auch Vielfahrer Schwierigkeiten damit, den benötigten Bremsweg zuverlässig vorauszusagen. Die Studie zeigt damit, dass Erfahrung allein keine Garantie für eine realistische Einschätzung ist.
Zwischen elf und 20 Meter aus 50 km/h
Wie stark die tatsächliche Bremsleistung variieren kann, zeigt ein Versuch aus 50 km/h. Die gemessenen Bremswege lagen zwischen rund elf und 20 Metern. Durchschnittlich benötigten die Teilnehmer etwa 16 Meter.
Zum Vergleich: Die bekannte Fahrschulformel für eine Gefahrenbremsung ergibt bei 50 km/h lediglich 12,5 Meter. Die Differenz zeigt, dass theoretische Werte nicht ohne Weiteres auf jede reale Situation übertragbar sind. Fahrer, Motorrad, Bereifung, Fahrbahn und das eigene Bremsvermögen können das Ergebnis beeinflussen.
Mehr als die Hälfte der Befragten – 52 % – bezeichnete die Einschätzung des benötigten Bremswegs selbst als schwierig oder sehr schwierig.
Auch Entfernungen werden falsch eingeschätzt
Ein weiterer Teil der Untersuchung beschäftigte sich mit der Wahrnehmung von Distanzen. Auch hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen subjektiver Einschätzung und tatsächlich vorhandener Entfernung.
Das ist für den Straßenverkehr besonders relevant. Ein Fahrer kann beispielsweise davon ausgehen, ausreichend Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zu halten, obwohl die vorhandene Strecke tatsächlich deutlich kürzer ist. Das ifz kommt zu dem Ergebnis, dass subjektiv ausreichend erscheinende Abstände häufig kleiner sind als angenommen.
Besonders anschaulich wird das bei den Angaben der Studienteilnehmer zum innerörtlichen Sicherheitsabstand. Im Fragebogen gaben sie durchschnittlich rund 14 Meter Abstand an. Der tatsächlich gemessene Bremsweg aus 50 km/h lag dagegen bereits bei durchschnittlich etwa 16 Metern.
Mehr Abstand schafft Reaktionszeit
Aus den Ergebnissen der Studie entstand die gemeinsame Verkehrssicherheitskampagne #AbstandKommtAn des ifz und des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Sie soll Motorradfahrer für ausreichenden Sicherheitsabstand sensibilisieren.
Dabei geht es nicht allein um den eigentlichen Bremsweg. Mehr Abstand verbessert auch die Sicht auf das Verkehrsgeschehen und verschafft zusätzliche Zeit zum Reagieren, wenn ein vorausfahrendes Fahrzeug plötzlich abbremst oder ein anderes unerwartetes Ereignis eintritt.
Wie wichtig bereits die Reaktionszeit ist, verdeutlicht ein weiteres Beispiel des ifz: Bei 100 km/h legt ein Motorrad innerhalb von 0,8 Sekunden rund 22 Meter zurück, bevor der eigentliche Bremsvorgang überhaupt beginnt.
Bremsen sollte trainiert werden
Die Untersuchung liefert außerdem Hinweise darauf, dass regelmäßige Gefahrenbremsungen und Fahrsicherheitstrainings hilfreich sind. Wer das Verhalten der eigenen Bremsanlage kennt und Notbremsungen regelmäßig übt, kann seine tatsächliche Bremsleistung besser ausschöpfen.
Die zentrale Erkenntnis der Studie ist deshalb weniger eine bestimmte Meterzahl als vielmehr die Erkenntnis, dass sich notwendige Sicherheitsreserven nicht zuverlässig aus Erfahrung oder Intuition ableiten lassen. Gerade mit zunehmender Geschwindigkeit können kleine Fehleinschätzungen schnell erhebliche Auswirkungen haben.
Für Motorradfahrer bedeutet das: ausreichend Abstand halten, die eigene Bremsanlage kennen und Gefahrenbremsungen regelmäßig unter kontrollierten Bedingungen trainieren. Denn der freie Raum vor dem Motorrad ist im Ernstfall eine der wichtigsten Sicherheitsreserven.
Wie gut Motorradfahrer Bremswege tatsächlich einschätzen können, zeigt das ifz in diesem Video zur Untersuchung „Grenzen der Wahrnehmung beim Bremsen“:






