Innovationsranking 2026: China setzt deutsche Premiummarken unter Druck

Chinesische Premiummarken holen im aktuellen Innovationsranking stark auf. Doch nicht jede technische Neuerung bringt im Alltag automatisch mehr Nutzen für den Kunden.
Bergisch Gladbach. (reg) – Mercedes-Benz ist laut der aktuellen AutomotiveINNOVATIONS-Studie 2026 die innovationsstärkste Premiummarke der Welt. Xpeng folgt knapp dahinter, BMW liegt auf Rang drei. Auffällig: Sechs der zehn innovationsstärksten Premiummarken stammen inzwischen aus China. Als innovationsstärkstes Modell des Jahres nennt die Studie den BMW iX3. Grundlage der Auswertung sind nach Angaben des Center of Automotive Management (CAM) mehr als 860 bewertete Innovationen aus dem Zeitraum 2025/2026.
Die Studie zeigt damit vor allem eines: Der Wettbewerbsdruck auf deutsche Premiumhersteller wächst. Nach CAM-Angaben punkten chinesische Marken längst nicht mehr nur beim Elektroantrieb, sondern zunehmend auch bei Connectivity, Interfaces sowie Fahrerassistenz und automatisiertem Fahren.
Für eine redaktionelle Einordnung hat CarPoint24.de bei Audi und dem ADAC gezielt nachgefragt, wie belastbar das aktuelle Innovationsranking tatsächlich ist.
Audi ordnete die Ergebnisse auf Anfrage von CarPoint24.de zurückhaltend ein. Das Unternehmen verweist darauf, dass solche Studien stark vom jeweiligen Erhebungszeitraum und den Bewertungskriterien abhingen. Neu präsentierte Innovationen würden teils stärker gewichtet als deren breite Umsetzung im Modellportfolio. Audi sieht die Ergebnisse deshalb nicht als direkten Maßstab für die grundsätzliche Innovationsfähigkeit einer Marke.
Zugleich macht der Hersteller deutlich, wohin die Reise aus seiner Sicht geht: Künftig werde die Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich durch das softwaredefinierte Fahrzeug geprägt. Software, digitale Leistungsfähigkeit sowie einheitliche E/E- und Software-Architekturen rückten immer stärker in den Mittelpunkt. Klassische Stärken wie Fahrdynamik und Design blieben für Kunden zwar wichtig, entscheidend werde aber zunehmend das digitale Kundenerlebnis.
Auch der ADAC sieht Rankings dieser Art nur begrenzt aussagekräftig. Auf Anfrage von CarPoint24.de wollte der Automobilclub das Ranking selbst nicht bewerten und verwies auf ein Grundproblem: Schon die Frage, was herstellerübergreifend überhaupt als „Innovation“ gilt, lasse sich nur schwer präzise beantworten. Aus Verbrauchersicht sei daher entscheidender, was digitale Funktionen im Alltag tatsächlich leisten.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den der ADAC deutlich anspricht: Viele digitale Dienste im Auto sind nur für einen begrenzten Zeitraum kostenlos und werden danach kostenpflichtig. In seiner Erhebung zu Konnektivitätsdiensten kritisiert der ADAC teils mangelnde Preistransparenz. So können digitale Dienste bei Mercedes laut ADAC bis zu 329 Euro pro Jahr kosten, bei Audi liegen Pakete für Navigation und Infotainment demnach bei 12,90 bis 15,90 Euro pro Monat. Das betrifft besonders auch Käufer junger Gebrauchtwagen, die solche Folgekosten oft nicht auf dem Schirm haben.
Dass technische Innovation nicht automatisch hohen Nutzwert bedeutet, zeigt auch eine weitere Studie zu Assistenzsystemen. In der „ADAS Satisfaction Study 2025“ von USCALE wurden in Deutschland 4.025 Fahrer von Fahrzeugen der Baujahre 2022 bis 2025 befragt. Untersucht wurden unter anderem Abstandsregelung, Spurhalteassistenten und Totwinkelwarnung.
Auffällig ist dabei die Lücke zwischen Einbau und Nutzung. Auf Seite 10 der Studie wird ausdrücklich festgehalten, dass die Nutzungsraten der Systeme durchgängig unter den Einbauraten liegen. Ein System ist demnach in 90 Prozent der Fahrzeuge vorhanden, wird aber nur von 71 Prozent regelmäßig genutzt.
Auch bei der Zufriedenheit zeigen sich Grenzen. In der Detailauswertung zum adaptiven Tempomaten liegt der Anteil der „sehr Zufriedenen“ und „Zufriedenen“ jeweils bei 46 Prozent. Gleichzeitig berichten Nutzer von Problemen wie grundlosem Bremsen, zu abruptem Verzögern und Ausfällen bei schlechtem Wetter.
Unterm Strich ist das Innovationsranking deshalb nur ein Teil der Wahrheit. Ja, chinesische Marken holen im Premiumsegment technologisch sichtbar auf. Für Kunden zählt am Ende aber nicht nur, wie viele neue Funktionen ein Hersteller präsentiert, sondern ob diese Systeme im Alltag wirklich genutzt werden, zuverlässig arbeiten und bezahlbar bleiben.






